Selbstfesselung war für mich lange ein Tabu

von | 5. Jan.. 2026

Selbstfesselung war für mich lange ein Tabu. Nicht, weil ich sie nicht kannte, sondern weil ich sie innerlich abgelehnt hatte. In meinem Kopf hatte ich ein klares Bild, was Selbstfesselung sind und wusste, sie haben einer klaren Bedeutung. Diese Bedeutung war abwertend und negativ.

Ich habe Selbstfesselung lange nicht als etwas Bestärkendes gesehen, sondern als etwas, das entsteht, wenn niemand anderes da ist. Als Zeichen von Mangel oder fehlender Attraktivität. Dieses Bild war nicht meine eigene Erfahrung, sondern etwas, das ich aus der damaligen Fesselncommunity übernommen hatte.

Meine erste Sicht: Fesseln geht nur zu zweit

Als ich mit Fesseln bzw. Shibari das erste Mal in Berührung kam und mich intensiver damit beschäftigt habe, war für mich völlig klar, dass Fesseln nur mit einer anderen Person funktioniert. Das war keine offene Frage für mich, sondern eine feste innere Überzeugung.

Ich hatte Fesseln ausschließlich so gesehen, so erlebt und so abgespeichert. Da gibt es eine Person, die fesselt, und eine Person, die gefesselt wird. Punkt. In meinem inneren Bild war ich abhängig von einem anderen Menschen, der mir dieses Gefühl gibt. Dieses Gefühl von Gehalten werden, von Nähe, von Intensität.

In meiner Gedankenwelt gab es keine Alternative, keine andere Möglichkeit, wie ich Seil auf meiner Haut spüren könnte, wie durch jemand anderen.

Meine erste Begegnung mit Selbstfesselungen

Auf einem meiner ersten Fesseltreffs habe ich das erste Mal eine Person gesehen, die sich selbst gefesselt hat. Was mich im Nachhinein mehr geprägt hat, als die Selbstfesselung an sich, waren die Reaktionen der anderen.

Diese Person, welche sich selbst fesselte, wurde belächelt. Es fielen Sätze wie, „die Person kriegt halt niemand ab…“, „…niemand will mit ihr fesseln, deshalb muss sie sich selbst fesseln…“.

Es war keine Freiwilligkeit für mich darin zu spüren, sondern eher dieses Bild von, die Person hat ja keine andere Wahl. Selbstfesselung wurde dargestellt wie ein Ersatz, wie eine Notlösung, wie etwas, das aus Mangel heraus entsteht.

Ohne dass ich das damals bewusst hinterfragt habe, haben sich diese Aussagen in mir festgesetzt. Logisch, ich hatte damals schließlich keine Ahnung, war neu in der Szene und habe sehr viel Wert auf die Meinung deren geachtet, welche schon lange fesseln bzw. in der Szene auch bekannt warten

Ich habe Selbstfesselung sehr lange verurteilt und abgewertet. Das leider erstaunlich lange, auch noch zu einem Zeitpunkt, an dem ich mich selbst längst intensiv mit Seil beschäftigt habe.

Mein erster eigener Kontakt mit Selbstfesselungen

Der erste Moment, in dem ich selbst mit Selbstfesselung in Berührung kam, hatte für mich nichts mit Lust oder Genuss zu tun. Ganz im Gegenteil, viel mehr aus einer Notwendigkeit heraus. Ich hatte begonnen, selbst Menschen zu fesseln und natürlich musste ich Knoten üben.

Ich habe sie an mir selbst geübt. Das war praktisch, effizient und funktional. Ich konnte fesseln üben, ohne dass mein Model damals jedes Mal dafür herhalten musste. Ich hatte den Gedanken: Üben ist für ein Model langweilig und wertet mich als Riggerin (die Person, die Menschen fesselt) ab. Ich durfte immer wieder hören, dass Models gefesselt werden wollen und nicht üben, sie hätten davon nichts.

Auch heute noch sehe ich das bei vielen Models. Üben ist anstrengend, fordernd und emotional oft herausfordernd. Das ist ein eigenes Thema, dem ich einen separaten Blogartikel widmen werde.

Für mich war Selbstfesselung in dieser Phase nichts weiter als Üben. Technik. Vorbereitung. Mittel zum Zweck, um den Schein der Perfektion zu wahren.

Plötzlich wurden Selbstfesselungen lustvoll

Irgendwann habe ich mich dann selbst gefesselt, um Fotos zu machen. Da ist zum ersten Mal etwas in mir „gekippt“. Plötzlich war da dieses Gefühl von: Das ist unglaublich sexy. Ich fühlte mich sexy. Das macht mich glücklich. Das macht meinen Kopf aus.

Nicht, weil jemand zuschaute, sondern weil ich mich selbst halten konnte, mich selbst sehe und mich selbst in dieser Spannung erlebe. Trotzdem habe ich darüber geschwiegen. Ich habe niemandem davon erzählt.

Dieses alte Bild von „Du musst sehr verzweifelt sein, wenn Du Dich selber fesselst“ war immer noch da. Dieses Bild von Verzweiflung, von Aufmerksamkeitssuche, von etwas, das nicht wirklich erwünscht ist oder in die Community passt.

Selbstfesselung als Selbstbestimmung

Erst in meiner Sexcoachausbildung hat sich das grundlegend verändert. Dort habe ich das Konzept von „Self Pleasure“ kennengelernt und mich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Nicht im engen Sinne von Selbstbefriedigung, sondern in der viel weiteren Bedeutung von Selbstberührung, Selbstkontakt und sich selbst Genuss und Lust erlauben.

In diesem Kontext habe ich verstanden, was Selbstfesselung für mich sein kann. Keine Ersatzhandlung. Kein Mangel. Kein Scheitern. Sondern eine Form Selbstverantwortung, Selbstbestimmung, das tatsächliche Erfahren meiner Wünsche und Bedürfnisse ohne auf jemand anderen Rücksicht zu nehmen. Beim Selbstfesseln geht es nur um mich.

Das war ein ziemlich überwältigend für mich und um ehrlich zu sein, ein bisschen überfordernd auch. Plötzlich ging es darum, dass ich mir das Gefühl des Seils selber geben darf. Ich hatte das Seil in der Hand und wusste einfach nicht, was ich will. Das wussten doch immer die anderen. Plötzlich lag das in meiner Hand.

Es hat einige Zeit und Coaching Sessions benötigt, bis ich die Tatsache und mich damit annehmen konnte, dass ich nicht weiß, was und wie ich mich selbst fesseln soll. Als ich mich der Situation dann hingeben konnte, habe ich aufgehört, mich zu verurteilen und begonnen, das Seil um mich zu lesen. Zuerst langsam, sanft, ratlos.

Irgendwann dann öfters und länger. Denn plötzlich spürte ich meinen Körper:

  • Wo ist meine Grenze mit dem Seil
  • Wo will ich mehr Druck spüren
  • Wo will ich keinen Druck spüren
  • Welche Körperstelle liebt Seil
  • Welche Körperstelle will kein Seil und in mir entsteht sogar ein Gefühl von Ekel
  • uvm.

All das konnte ich in meinen Selbstfesselungen entdecken, denn ich fesselte mich in meinem Tempo, ohne Erwartungen von anderen. Ohne Rollenvorstellungen oder Konzepten davon, wie eine Session abzulaufen hat. Ohne zu vorsichtigen Fesseln durch die anderen Person, weil diese sich zu viele Sorgen um Sicherheit macht.

Ich konnte mich von all dessen in meinen Selbstfesselungs-Sessions befreien. Konnte losgelöst mich fesseln, um zu erkennen, wo meine Sehnsucht, Wünsche und Grenzen wirklich liegen und wo nicht.

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