Mein erstes Polykül, geopfert für die Heteronormative

von | 15. Feb. 2024

Ein Polykül ist ein Geflecht von mehreren polyamoren Menschen, welche auf unterschiedlichen Arten eine Beziehung miteinander führen. Dabei kann ein Polykül unterschiedliche Konstellationen haben. Ich möchte in diesem Blogartikel über meine erste Erfahrung in einem Polykül schreiben.

Wie schon erwähnt, gibt es verschiedene Varianten von Polyküls. Nichts ist besser oder schlechter. Ein Polykül entwickelt sich aus meiner Erfahrung meist ganz von selbst nach den Bedürfnissen der Menschen, welche dem Polykül angehören.

Dreier-Konstellation

Kurz nach meiner Trennung von E. befand ich mich in einer Dreier-Beziehung mit einem Paar (ich nenne es AA). In dieser Konstellation hatte jede Person für die andere Person Gefühle. AA galt aus meiner Sicht allerdings für die Prio Eins Beziehung, danach kamen die Beziehung zwischen mir und AA.

Dies war für mich kein Problem, ich hatte keine Benachteiligung empfunden. Dafür wurde auch oft genug über die Konstellation gesprochen. Es war alles klar. Während dieser Dreier-Konstellation lernte ich einen Mann kennen (ich nenne ihn H.), mit dem ich mir ebenfalls vorstellen konnte, eine Beziehung einzugehen.

Ich konnte auch hier erneut meine Bedürfnisse mit AA kommunizieren und es war kein Problem für sie, dass ich eine weitere Beziehung mit einer anderen Person eingehen würde. In diesem Moment befand ich mich inmitten eines Polyküls, welches wohl ich gestartet hatte.

Flagge Polyamorie Herz
Farben der Polyamorieflagge

Polykül, oder doch lieber monogam?

Mir persönlich war es damals wichtig, dass sich alle Personen kennenlernten. Ich organisierte ein Treffen, welches toll lief. Alle verstanden sich. Doch ab einem gewissen Zeitpunkt, welchen ich heute nicht mehr genau einschätzen kann, wurde ich mit der Entscheidung konfrontiert, ob ich eine normale Beziehung mit Schwiegermutter haben möchte, oder lieber eine unkonventionelle Beziehung mit AA.

Zum damaligen Zeitpunkt war ich gerade 19 Jahre und hatte noch die heteronormative Beziehungsform im Kopf: Mann, Haus, Baum und Kind. Ich entschied mich für den offensichtlichen einfacheren und entspannteren Weg. Anstatt meinem Herzen zu folgen und für das einzustehen, was mir wichtig war. Ich trennte mich also von AA und begann eine Beziehung mit H.

Die Trennung von AA war hart für mich. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich nicht wirklich verstehen, warum. Schließlich würde ich doch für eine Zukunft bauen, welche normal ist. Warum tut es denn dann so sehr weh? Ich ignorierte alle Gefühle, sämtliches Bauchgrummeln und steckte mich in ein Korsett des heteronormativen.

Fazit: Mein Korsett, welches ich selbst schnürte

Ich ignorierte zur damaligen Zeit alle Redflags, welche mir entgegenwehten. Alles, was gegen die Beziehung mit H. sprach, war eine Kriegserklärung gegen mich. Ich trennte mich von AA, von wichtigen Bezugspersonen und lehnte teilweise meine Familie ab. Hauptsache ich kann meinen Wunsch nach einer „normalen-heteronormativen-Beziehung“ nachkommen.

Ich schnürte mir ein Korsett, welches mir vorne und hinten nicht passte. Es war nur wichtig, dass ich es trug, egal was es mich kostetet.

Aus heutiger Sicht weiß ich, dieser Wunsch, den ich damals hatte, war nicht wirklich meiner. Dieser Wunsch wurde mir im Kindergarten, Schule und durch Film und Fernsehen eingeredet. Brainwash der feinsten Art. Ich hinterfragte diesen Wunsch nie, ich hinterfragt mich nie. Durchziehen war die Devise.

Ich bereue meine Entscheidung nicht, dieses Korsett getragen zu haben. Es war für mich eine von vielen wertvollen Erfahrungen in meinem Leben, welche ich nicht missen möchte. Es wäre aus heutiger Sicht nur interessant zu wissen, wie mein Leben sich entwickelt hätte, wäre ich vor 16 Jahren meinem Herzen und nicht der Heteronormativen gefolgt.

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