Von der Bankerin zur Fesselcoachin: Wie ich meinen Weg gefunden habe

von | 23. Juni. 2026

Dieser Artikel ist Teil 1 eines zweiteiligen Interview-Formats. Ich habe mit Noëmi auf der Female Empowerment Conference im Februar 2026 gesprochen. Manchmal kommt die Berufung nicht durch einen Plan, sondern durch eine Vision, die man sich nicht ausgesucht hat.

Wie ich von einer ausgebildeten Bankern zur Fesselcoach geworden bin, und warum der Umweg über das Finanzmentoring genau der richtige war.

Eine Vision, die sich niemand aussucht

NOEMI: Fesselcoach – wie wird man das und warum?

JULIA: Ich würde zuerst ein bisschen darauf eingehen, wie mein Weg dazu war, weil der war ein bisschen untypisch. Ich bin nicht aus einer Freiwilligkeit heraus selbstständig geworden, wie man es kennt: Mehr Freiheit, mehr Reisen oder sonst irgendwas. Die Selbstständigkeit ist durch eine Fortbildung zu mir gekommen, in einer meditativen Reise. Und dann war einfach die Vision da.

Ich war dort plötzlich Selbstständige und habe gedacht: Ich will eigentlich Arbeiterbiene sein. Ich hatte mich mit dem Thema Selbstständigkeit absolut null auseinandergesetzt, aber die Vision war da und die hat mich ziemlich stark getragen.

Zwei Themen, ein klarer Favorit

NOEMI: Und was waren das für Themen?

JULIA: In den klassischen Business Coachings heißt es, mach was, wo Du gut bist, was Deine Herz Message ist, worin Dich die Leute um Rat bitten. Bei mir gab es zwei Themen. Einmal der Finanzbereich, weil ich tatsächlich ausgebildete Bankbetriebswirtin bin mit Brief und Siegel. Der andere Bereich war BDSM und Sexualität, weil ich mich da seit über 20 Jahren auseinandergesetzt habe und es auslebe.

Beides ziemlich krasse Tabuthemen. Aber mein Herz schlug schon eher für die Sexualität. Ich war sehr geprägt von „Was sagen die anderen?“ und „Wie wird mein Umfeld darauf reagieren?“. Also bin ich den augenscheinlich leichteren Weg gegangen und habe mich zuerst als Finanzmentorin selbstständig gemacht.

Zwei Jahre, kein Einkommen und eine ehrliche Erkenntnis

NOEMI: Und wie ist es gelaufen?

JULIA: Zwei Jahre später: kein Einkommen, ganz viele Ausgaben, mehrere fünfstellige. Und dann war für mich klar, diese Beziehung zwischen Finanzmentoring und mir hat ein Problem. So geht es nicht weiter. Ich kann nicht die ganze Zeit investieren, wenn mein Business mir nichts zurückgibt. So funktioniert Partnerschaft und Beziehung einfach nicht.

Dann bin ich in den Urlaub gefahren, habe mein Handy ausgeschaltet und gesagt: Die Vision kam zu mir, mit Sicherheit kommt auch die Lösung. Nach dem Urlaub mache ich mein Handy an, gehe auf Instagram und das Erste, was mir gezeigt wird, ist eine Sexcoach Ausbildung.

Die neunmonatige Ausbildung und die entscheidende Randnotiz

NOEMI: Und dann?

JULIA: Ich habe die Sexcoach Ausbildung gemacht, weil ich gesagt habe: Wenn ich in diesem Bereich unterwegs bin, es ist super tabuisiert, es hängt mit ganz vielen anderen Themen zusammen, brauche ich Wissen, brauche ich wirklich Backups. Ich kann nicht einfach so rausgehen und sagen, hey, ich bin jetzt Coach.

In einem der Calls meiner Ausbilderin ging es darum, was es für Erfahrungsräume gibt, wo man Sexualität ausprobieren kann. Und sie hat als Randnotiz gesagt, was total schade sei: dass es diese Erfahrungsräume im BDSM nicht so gibt. Es gibt die klassische Domina, aber einen Raum, der nicht klassisch in eine Richtung geht, sondern offen für Erlaubnis und prozessorientiert ist, den gibt es nicht. Und das ist schade.

Und da war es: Okay. Jetzt weiß ich, was ich beruflich machen will.

Wenn man seinem Herzen folgt, flutscht es

JULIA: Alles andere hat sich dann Stück für Stück ergeben, ohne Hindernisse. Es hat einfach geflutscht. Und das ist so das, was ich sage: Wenn man wirklich seinem Herzen folgt, dann flutscht es. Dann kommt eins zum anderen, ohne Anstrengung, ohne dass man sich um etwas bemühen muss.

NOEMI: Das ist richtig verrückt. Du sagst, seit 20 Jahren – nimm uns da kurz mit.

JULIA: Ich gehöre zur Millenium Generation und ich habe ziemlich schnell einen PC zu Hause gehabt. Und da gab es damals Chatrooms. Also kein Joyclub oder sonst irgendwas, sondern die hießen dann Laycos oder Spin Chat, also Räume, wo man in Themenräume eintreten konnte und sich mit Menschen in einer großen Gruppe austauschen konnte. Und da gab es halt solche Chats wie BDSM oder Bondage oder Fesseln.

Ich bin von Natur aus sehr neugierig, manchmal zum Nachteil, aber in dem Fall war es sehr gut. Ich habe dann tatsächlich meinen ersten Kontakt damit mit 14 oder 15 gehabt. Das hat mich wirklich wie ein Sog hineingezogen, immer mehr Infos, immer mehr und mehr. Ich habe dann eine Plattform für mich entdeckt (Smog), die für Minderjährige ist, wo es sehr um Aufklärung geht und ein Safe Space ist. Da konnte ich mich einlesen. Das war so das Wikipedia für Jugendliche.

Ich habe natürlich alles nur als Theorie gehabt. Ich habe nur gelesen, weil Minderjährig und Sexualität ist sehr schwierig,Da muss man sehr aufpassen. Ich habe mir gesagt: Ich probiere erst Dinge aus, wenn ich volljährig bin, damit mein Gegenüber auch auf der sicheren Seite ist.

Fesseln war das Letzte auf meiner Liste

NOEMI: Es hat Dich gefesselt und nicht mehr losgelassen?

JULIA: Je nachdem, wie Menschen mich kennen, wissen sie, dass Fesseln das Letzte war auf meiner To Want Liste, was im BDSM Bereich möglich ist. Weil ehrlich, ich habe es gesehen, als ich das erste Mal auf einer Messe war und habe gedacht: Was machen die? Das sieht ja super langweilig aus. Und dann dauert es so ewig, bis die Leute überhaupt gefesselt sind. Da kann ich eine Liebesschaukel nehmen oder Handschellen oder was man auch immer hat. Das geht doch viel schneller.

Und es hat dann tatsächlich knapp zehn Jahre gebraucht, bis ich ganz unten auf meiner To Want Liste angekommen bin und das Fesseln ausprobiert habe.

Fazit

Der Weg zu dem, was wirklich passt, ist selten der direkteste. Manchmal braucht es den Umweg, die zwei Jahre ohne Einkommen, den Urlaub ohne Handy und eine Randnotiz in einem Coaching Call. Was Julia daraus mitgenommen hat: Wenn sich etwas richtig anfühlt, braucht es keine Anstrengung. Es flutscht einfach.

FAQ

Was ist eine Fesselcoach?
Eine Fesselcoach begleitet Menschen dabei, Fesseln als Erfahrungsraum zu entdecken, professionell, konsensbasiert und prozessorientiert. Das unterscheidet sich grundlegend von klassischen BDSM Rollen wie der Domina.

Muss man eine Ausbildung haben, um als Fesselcoach zu arbeiten?
Julia hat eine neunmonatige Sexcoach Ausbildung absolviert, bevor sie als Fesselcoach gestartet ist, weil das Thema viel Verantwortung mit sich bringt und echtes Hintergrundwissen erfordert.

Was ist Shibari?
Shibari ist das japanische Wort für Fesseln. Die Fesselkunst hat ihren Ursprung in Japan und ist unter verschiedenen Begriffen bekannt: Fesseln, Shibari oder Bondage. Alle drei bewegen sich unter demselben großen Dach.

Wie lange hat Julia gebraucht, um ihren Weg zu finden?
Von der ersten Vision bis zum Start als Fesselcoach hat es einige Jahre gebraucht, inklusive zwei Jahren als Finanzmentorin, die nicht funktioniert haben. Die Erkenntnis kam erst durch das Loslassen.

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