Vielleicht hast Du Dich nach der einen oder anderen Fesselerfahrung schon mal gefragt, warum Du nicht schlafen konntest oder warum Du Dich so unruhig gefühlt hast? Das hat was mit Deinem Nervensystem zu tun. Diese Thematik habe ich in einem Interview genauer beschrieben. Am Ende des Artikels findest Du den Link zum ganzen Gespräch.
Zu viel auf einmal
NINA: Und war das gut, die erste Seilerfahrung auf einem Fesseltreff zu erfahren? Oder hättest Du Dir rückblickend eine privatere erste Erfahrung gewünscht?
JULIA: Zum damaligen Zeitpunkt gab es diese Idee gar nicht für mich. Rückblickend sage ich aber: Fesseltreff ist nur was für Fortgeschrittene. Für mich wäre es einfühlsamer gewesen, Fesseln in einem ultraprivaten Kontext zu erleben. Ohne Zuschauer – wirklich nur für mich. Mehr fühlen statt performen.
Bei einem Fesseltreff wird man mit so vielen verschiedenen Sinneseindrücken gleichzeitig stimuliert: Anderen Menschen zuschauen, Vergleiche ziehen, Anmachversuche von anderen. Und dadurch ist es schwierig, eine echte Verbindung zu sich selbst und zur Person herzustellen, die einen fesselt.
Ich habe das damals gemerkt: Als ich abends zu Hause war, konnte ich all die Eindrücke nicht verarbeiten. Ich konnte nicht schlafen. Und dann hieß es von meinem damaligen Rigger: „Fessel Dich einfach selbst, dann kannst Du schlafen“. Und das funktioniert tatsächlich.
NINA: Was? Wirklich?
JULIA: Ja. Der Körper benötigt manchmal genau diesen Sinneseindruck. Seil auf der Haut, diese Enge, um herunterfahren zu können. Was mir damals passiert ist, war Dissoziation. Das kann passieren, bei einem Fesseltreff, während und danach. Man kommt nicht runter und ist auf einem krassen High. Gerade für jemanden, der frisch dabei ist, braucht es da wirklich eine gute Nachbetreuung (Aftercare).
Und dann ist die Frage, wie man das interpretiert. Ich kenne viele, die sagen: „Ich war einmal auf einem Fesseltreff und möchte nie wieder hin“. Einfach weil es zu viel auf einmal war. Und andere sagen: „Oh mein Gott, ich bin so gehooked von diesem High, ich will das immer wieder im Seil erleben“.
NINA: Was siehst du da als Gefahren, dieses ständige High-Jagen?
Dem High nachjagen
JULIA: Grundsätzlich spricht nichts dagegen, sich dieses High manchmal zu gönnen. Für mich ist der Unterschied: Mache ich es bewusst? Bin ich mir bewusst, dass das ein Hormoncocktail ist, den mein Körper ausschüttet, weil er sich in einem Ausnahmezustand befindet, maximal hilflos oder unsicher? Das ist eigentlich ein Warnsignal des Körpers.
Wenn ich mir dessen bewusst bin – okay, ich möchte diesen „Schuss“, ich weiß, warum, und ich weiß, was ich danach brauche – go for it. Kein Problem.
Aber wenn ich einfach nur immer diesen „Schuss“ haben will und nicht weiß, was dabei in mir passiert, sehe ich das sehr kritisch. Denn dieses High ist keine Entspannung. Es ist Stress, nicht weniger. Der Körper schüttet all diese Hormone aus, damit man den Stress im Körper gar nicht erst bewusst fühlt, weil er zu viel wäre.
NINA: Und was passiert dann genau?
JULIA: Ich hatte Menschen, die mir erzählen, sie hatten eine Out-of-body-Experience dabei. Sie haben sich von außen gesehen. Diese Funktion hat ihren Sinn. Aber man muss wissen, warum sie passiert.
Und wenn der Körper gelernt hat: „Am oberen Ende des Stresslevels fühle ich mich sicher“, dann geht das Nervensystem natürlich dorthin. Logisch. Und dann kommt jemand wie ich und sagt: „Nein, wir gehen nicht noch höher, sondern ein Stück tiefer, in die Ruhe und in die wirkliche Entspannung.“ Plötzlich wird das unsicher, weil der Körper echte Entspannung nicht kennt.
Das ist eigentlich der Ausgangszustand der meisten von uns. Wir sind doch die ganze Zeit im Stress. Wir scrollen auf Instagram – das ist keine Entspannung, das ist das genaue Gegenteil. Morgens die S‑Bahn. Die meisten Jobs. Es gibt kaum jemanden, der sagt: „In meiner Arbeit fühle ich, wie mein Puls langsamer wird und meine Atmung tiefer“.
Das heißt, wenn jemand zu mir zum Fesseln kommt, bringt die Entschleunigung, die ich mitbringe, manchmal echtes Unbehagen mit sich, zumindest am Anfang. Deshalb ist es so wichtig, dass ich meine Kunden über mehrere Sessions begleite, damit sie sich langsam daran gewöhnen, dass Ruhe und Langsamkeit sicher sind. Das funktioniert nicht von heute auf morgen.
Lass Dich von mir fesseln und
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Was Dissoziation wirklich bedeutet
NINA: Du hast vorhin auch von Dissoziation gesprochen, was meinst du damit genau?
JULIA: Das ist ein Zustand, bei dem man noch da ist, aber nicht mehr richtig mitbekommt, was passiert. Viele beschreiben es als Schweben. Manche nehmen ihren Körper gar nicht mehr wahr oder haben sogar Erinnerungslücken. Das klingt erst mal klinisch, ist aber eine natürliche Schutzfunktion. Das Nervensystem sagt: „Das hier ist viel. Ich sorge dafür, dass du das aushältst“.
Das Problem entsteht, wenn man danach wieder allein ist. Der Körper kommt nicht mehr runter. Man kann nicht schlafen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung. Nach meinem ersten Fesseltreff war ich so aufgedreht, dass ich mich irgendwann selbst gefesselt habe, einfach damit mein Nervensystem wieder zur Ruhe kommt. Weil es genau diesen Sinneseindruck gebraucht hat, um zu landen.
Gerade deshalb sage ich immer: Plane Aftercare ein. Was brauchst man nach einer Session? Ruhe, Wärme, ein Gespräch, etwas zu essen? Das ist kein Luxus, das ist Teil der Erfahrung.
Was ich Dir mitgeben möchte:
- Sprich vor einer Session darüber, was Du brauchst, wenn etwas sich komisch anfühlt.
- Lern den Ampelcode kennen.
- Gib Dir und Deinem Körper die Zeit, die er braucht, um anzukommen.
Das ist für mich eine der schönsten Seiten vom Fesseln. Man lernt sich selbst besser kennen.
Du willst das ganze Gespräch hören?
Nina und ich haben uns knapp zwei Stunden über Fesseln unterhalten. Über Seile, Körper, Vertrauen und Sicherheit. Und nein, ich spreche hier nicht von Anatomie oder Seiltechnik. Und natürlich über noch viel mehr. Es war ein offenes, neugieriges und wirklich schönes Gespräch. Ideal für Menschen die neugierig aufs Fesseln sind, aber etwas in hält einen noch zurück.
Die ganze Folge von „Hinter den Laken“ findest du hier:

Über mich: Ich bin ausgebildete Sex-Coach und Spaceholder mit über 20 Jahren eigener Erfahrung im Kink-Universum. Ich verbinde gelebte Erfahrung mit körperorientiertem, traumasensiblem Coaching. Fesseln ist für mich keine starre Technikabfolge oder symmetrisches Knüpfshow. Es ist für mich eine Sprache für Lust, Halt, Kontrolle, Hingabe und Nähe. Eine Sprache, die ich zuerst als Rope-Model gelernt und später als Rigger vertiefen konnte. Auch Selbstfesselung hat meinen Blick verändert: Sie hat mir gezeigt, wie still der Kopf werden kann, wie tiefes Spüren entsteht und wie viel Kraft darin liegt, ganz ohne andere.
Wenn Du mehr über mich erfahren möchtest, findest Du hier meine Über mich Seite.

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