Fesseln ist nicht gleich Sex, aber auch nicht das Gegenteil

von | 4. Juni. 2026

Immer wieder kommt die Frage auf: Beim Fesseln geht es nur um Sex, wahr oder falsch? Meine Antwort: Falsch. Die Wahrheit ist aber deutlich nuancierter und interessanter.

In diesem Ausschnitt aus meinem Gespräch mit Nina vom Podcast „Hinter den Laken“ erzähle ich, wie Fesseln und Sexualität zusammenhängen und warum die Antwort weder Ja noch Nein ist. Den Link zur ganzen Folge findest du am Ende.

Wahr oder falsch?

NINA: Beim Fesseln geht es nur um Sex, wahr oder falsch?

JULIA: Falsch.

NINA: Auf einer Skala von 1 bis 10, wie sehr geht es beim Fesseln um Dinge wie Macht und Unterwerfung?

JULIA: Fünf.

NINA: Wir sind hier ein Sexpodcast, und ich frage mich: Wie viel Sex und Sexualität steckt da eigentlich drin? Weil irgendwie ist ja auch Kunst dabei, Sport, Meditation und du hast gerade von diesem inneren Berühren gesprochen. Wie ist da deine Einschätzung? Wie viel Prozent Sex?

JULIA: Ich glaube, es kann zu 100 Prozent Sex sein und es kann 0 Prozent Sex sein. Und dann ist natürlich auch die Frage: Was versteht man unter Sex oder Sexualität? Für mich ist Sex nicht das, was klassischerweise gesellschaftlich gemeint ist, also Penetration. Da stellt sich immer die Frage: Wann fängt bei dir Sex an? Gibt es überhaupt einen Unterschied zwischen Sex und Sexualität?

Für mich ist Fesseln ein Ausdruck meiner Sexualität. Ein Ausdruck, nicht DER Ausdruck. Es gibt für meine Sexualität nicht den einen Ausdruck, sondern mehrere, und einer davon ist eben Fesseln.

Wird beides kombiniert?

NINA: Dann direkt mal: Wir haben jetzt ein ganzes Spektrum, es kann sexuell sein, muss es aber nicht. Wenn ich mir jetzt vorstelle, jemand hängt kunstvoll gefesselt von so einem Haken, gibt es auch Menschen, die in so einer Situation Penetration betreiben? Oder ist das Fesseln und Gefesselt-Sein der sexuelle Akt, oder wird beides kombiniert?

JULIA: Wird auch kombiniert. Also es gibt Fliegefesselungen, der Fachbegriff ist Suspension, also wenn der komplette Körper in der Luft ist. Und natürlich gibt es Fliegefesselungen, die man wie eine Liebesschaukel nutzen kann, wo man den Körper so positioniert, dass penetrativer Sex möglich ist. Das Schöne beim Seil ist, dass man die Höhe millimetergenau einstellen kann, das ist individueller als jede vorgefertigte Liebesschaukel.

NINA: Also auch praktisch, wenn man drauf steht.

JULIA: Wirklich! Wenn ich immer sehe, wie Liebesschaukeln verpackt sind, und man rätselt, wo oben, unten, rechts und links ist, das ist der gleiche Test wie ein IKEA Schrank.

Erregung beim Fesseln, wie ist das wirklich?

NINA: Ich habe noch eine Frage, wie viele Menschen sind beim Fesseln bei dir wahrnehmbar erregt?

JULIA: Was ist für dich wahrnehmbar erregt?

NINA: Also geschwollene Genitalien, Stöhnen, wo du merkst: Da ist gerade eine sexuelle Erregung dabei.

JULIA: Also einen erigierten Penis hatte ich bisher noch nicht. Stöhnen gibt es mal, aber das erlebe ich eher als Durchatmen, als ein „Das war gerade krass“, das empfinde ich nicht unbedingt als Erregung.

Aber ich bin überzeugt, dass Erregung, für mich so definiert als Lebensenergie, immer vorhanden ist. Die Frage ist, wie sehr Menschen sie zulassen und ausdrücken. Und bei einer fremden Person hält man das oft zurück. Man schämt sich vielleicht. Obwohl ich immer sage: „Erregung ist bei mir willkommen“. Das ist etwas zutiefst Menschliches, ein Ausdruck von Sexualität. Und nichts ist erschöpfender, als Erregung zurückzuhalten.

Fesseln kann sexuell sein, muss es aber nicht. Was es immer ist: eine sehr persönliche, sehr körperliche Erfahrung. Und was du daraus machst, was du hineinbringst und was du herausnimmst, das liegt ganz bei dir.

Du willst das ganze Gespräch hören?

Nina und ich haben uns knapp zwei Stunden über Fesseln unterhalten, über Seile, Sicherheit, Körper, Vertrauen und noch viel mehr. Es war ein offenes, neugieriges und wirklich schönes Gespräch.

Die ganze Folge von „Hinter den Laken“ findest du hier

Podcast Hinter den Laken

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