7 Dinge, die Bare Minimum beim Fesseln sind und keine Greenflags

von | 13. März. 2026

Ich sehe es immer wieder in Foren, in Kommentaren auf Instagram und in Gesprächen nach meinen Workshops: Jemand beschreibt eine Fesselsession und schreibt stolz dazu, die andere Person habe ein Safeword angeboten, auf Grenzen geachtet, Aftercare gegeben. Greenflag. Tolles Zeichen. So jemanden findet man selten.

Nach 10 Jahren Fesselerfahrung und 200+ Menschen, die ich ins Seil begleitet habe, muss ich da widersprechen. Nicht weil ich kleinlich bin, sondern weil diese Verwechslung zwischen Greenflags und Grundvoraussetzungen echten Schaden anrichten kann.

Bare Minimum und Green Flags klingen ähnlich, bedeuten aber ganz verschiedene Dinge.

Green Flags sind positive Zeichen, die über das Minimum hinausgehen und zeigen, dass jemand wirklich präsent, respektvoll und engagiert ist.

Bare minimum, das absolute Mindestmaß, das jemand tut. Gerade so genug, dass man nicht direkt meckern kann, aber ohne echtes Engagement oder Mühe. Das sind Grundvoraussetzungen, keine Leistungen.

Der Begriff wird oft ironisch verwendet: „Giving bare minimum and expecting a medal“ – also jemand, der für absolut selbstverständliche Dinge gelobt werden will. Im Kontext von Fesseln kann das sehr gefährlich werden.

1. Ampelcode, nicht nur ein Safeword

Ich stehe mittlerweile zu 100 % hinter dem Ampelcode und verwende keine Safewords mehr. Der Grund: Man kann mit dem Ampelcode viel differenzierter herausfinden, wo Model und/oder Rigger steht. Ja, auch Rigger dürfen den Ampelcode für sich nutzen.

Ein Safeword ist „nur“ das „Rot“ bei der Ampel. Aber wie kommuniziere ich bei einem Safeword all das, was zwischen nichts sagen und Safeword liegt? Gerade wenn z. B. das Fesseln einen großen Impact auf den Körper und Geist des Models hat, ist das Sprechen manchmal kaum noch möglich.

Ein großer Impact kann eine Suspension sein, oder ein Seil an der erogenen Zone oder überhaupt das Fesseln selbst. Jeder Mensch und dessen System sind individuell und reagieren individuell auf das Fesseln.

Es macht einfach Sinn, ein Kommunikationssystem zu nutzen, das man seit der Kindheit kennt und verwenden kann. Die Ampel ist dafür großartig. Das Ampelsystem kann ohne groß zu überlegen oder nachzudenken benutzt werden. Muskelerinnerung und so. Außergewöhnliche Safewords wie Biologielaborant, sind dabei eher hinderlich. Das war übrigens lange meins.

Rot, Gelb, Grün. Einfach, klar und in jedem Zustand abrufbar.

Ampelcode Fesseln Bare Minimum

2. Kommunikation vor, während und nach der Session

Alle drei Phasen sind wichtig und notwendig, weil sie Rigger wie Model ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Besonders die Kommunikation während der Session wird heute oft verpönt.

Oft sagen mir Teilnehmer (Rigger wie Models) meiner Workshops, sie wollen während des Fesselns nicht reden, weil sie sonst nicht entspannen können. Der Knackpunkt ist: Nicht das Kommunizieren an sich hält vom Entspannen ab, sondern das, wie kommuniziert wird.

Es sollte also besprochen werden, wie die Kommunikation während der Session ablaufen soll. Hierbei ist wichtig, dass es keine Abwertung oder Bewertung der Kommunikation oder das Aussprechen von Informationen gibt.

Wer schweigen muss, weil Reden als störend gilt, ist nicht in Sicherheit.

3. Aftercare ohne zeitliche Begrenzung, für beide Rollen

Dass Aftercare wichtig ist, ist klar. Dass auch Rigger Aftercare benötigen, ist mittlerweile auch klar. Was ich trotzdem immer wieder sehe, ist eine zeitliche Begrenzung des Aftercares. Das finde ich bemerkenswert, denn niemand außer der Person selbst, welcher Aftercare empfängt, kann sagen, wie lange Aftercare benötigt wird.

Ich kann nicht in den Körper und Kopf meines Gegenübers schauen und bestimmen, was und vor allem wie lange Aftercare benötigt wird. Eine Aftercare, die nach 15 Minuten endet, weil es so vereinbart war, ist keine Aftercare, sie ist ein Protokoll.

Aftercare sollte so lange möglich sein, bis sich beide gut fühlen

4. Grenzen gelten ohne Erklärung und ohne Verhandlung

Hierzu könnte ich sehr viel schreiben. Aber dieser eine Satz sagt alles: Wenn ein Erklären von Grenzen erwartet wird, oder ein Verhandeln darüber stattfindet, sollte das Zeichen für Dich sein, zu gehen.

Eine Grenze benötigt keinen Grund. Sie benötigt keine Geschichte dahinter, keine Rechtfertigung, keine Entschuldigung. Sie ist, wie sie ist. Wer das nicht akzeptiert, ist kein sicherer Partner, egal wie viel Technik er beherrscht.

Auch, dass sich die Grenzen während des Fesselns verschieben, enger wie weiter, muss akzeptiert und bei einer engeren Grenze auch umgesetzt werden. Dabei gilt immer die Grenze, welche am „engsten“ ist.

Das Erklären und Verhandeln müssen von eigenen Grenzen sind Red Flags.

5. Bekleidung ist eine Frage der Sicherheit.

Bekleidung sollte grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden, weder vom Model noch vom Rigger. Wenn Fesseln außerhalb von Sex, sollte Bekleidung vorhanden sein. Diese kann zu gegebenem Zeitpunkt und wenn es zu den Grenzen passt, mit eingefesselt oder entfernt werden.

Kleidung gibt Menschen ein Gefühl von Schutz und Sicherheit. Sicherheit ist eine Voraussetzung dafür, sich zu entspannen, loszulassen und in den Flow zu kommen.

Bekleidung schenkt Sicherheit.

6. Das Notfallprotokoll

Alle Beteiligten müssen über den Ablauf Bescheid wissen, wenn das Schlimmste eintritt. Bevor gefesselt wird, sollten diese Fragen beantwortet und gerne schriftlich festgehalten werden:

  • Was passiert, wenn das Schlimmste eintritt?
  • Was ist das Schlimmste für Dich, und was ist es für Dein Gegenüber?
  • Wer hat welche Aufgabe?
  • Was benötigt jeder der Beteiligten, wenn das Schlimmste überwunden ist?
  • Welche Tools sind zur Unterstützung vorhanden?

Ein Notfallprotokoll klingt nach Übertreibung, bis man es braucht.

7. Bedürfnisse äußern dürfen, zu jeder Zeit, ohne Bewertung

Bedürfnisse äußern, zu jeder Zeit, ohne Abwertung oder Bewertung dessen. Emotional wie körperlich, vor, während und nach der Session.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber oft nicht. Wer ein Bedürfnis äußert und dafür bewertet oder abgewertet wird, lernt schnell, still zu bleiben. Und Stille liegt beim Fesseln an der Tagesordnung, weil es den Schein erweckt, alles ist gut. Doch Stille ist so viel mehr, allem voran keine Tugend, sondern ein großer Risikofaktor.

Jedes Bedürfnis darf ausgesprochen werden. Immer. Ohne Erklärung, ohne Entschuldigung, ohne Konsequenz.

Fazit: Bare Minimum ist nicht das Ziel, es ist Grundvoraussetzung.

Diese 7 Punkte sind der Boden, auf dem alles andere entsteht. Vertrauen, Verbindung, die Bereitschaft, sich wirklich zu öffnen. Wer Bare Minimum als Greenflag feiert, hat den Boden mit dem Ziel verwechselt.

Für mich waren die o. g. Punkte früher keine Grundvoraussetzung. Ich dachte wirklich, dass es was Besonderes ist, wenn mein Rigger mich dazu ermutigt, während der Session zu sprechen, oder wenn meine Grenzen eingehalten werden, ohne zu diskutieren.

Ich habe zu oft die Erfahrung gemacht, dass z. B. meine Grenzen während einer Session langsam, leise und mit Bedacht verschoben wurden. Im Nachgang hieß es dann, ich wäre schließlich passiv, das gehöre zur Rolle eines guten Bunnys dazu.

Aber ich kenne auch die andere Seite, dass Models zu mir sagen: „Mach mit mir, was Du willst, ich habe keine Grenzen“. Mit diesen Menschen fessle ich sehr bewusst nicht, denn wenn es keine Grenzen gibt, kann es plötzlich eskalieren.

Es mag vielleicht nach viel Aufwand klingen, vielleicht auch nach Umständen oder dass man sich als kompliziert einstuft. Ich verstehe das, denn man will doch nur fesseln, keine Doktorarbeit schreiben.

Und gleichzeitig, hängen an all dem Deine körperliche wie psychische Gesundheit sowie Dein ganzes Leben. Ich glaube, dafür darf Aufwand betrieben werden.

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