Dieser Artikel ist Teil 2 eines zweiteiligen Interview-Formats (hier gelangst Du zu Teil 1). Im ersten Teil habe ich mit Noëmi auf der Female Empowerment Conference im Februar 2026 über meinen Weg zur Fesselcoachin gesprochen. In diesem Teil geht es um das Praktische: Was ich als Fesselcoach konkret mache, wie der Einstieg ins Shibari lernen aussehen kann und wie Du das Thema bei Deinem Partner/in ansprichst.
Fesseln und Kontrollfreaks
NOEMI: Und jetzt muss ich mal fragen für alle da draußen, die so sind wie ich, die sich jetzt auch die gleiche Frage stellen. Für Kontrollfreaks ist das natürlich absolut gar nichts. Oder doch?
JULIA: Ich finde, total. Es kommt natürlich einfach darauf an, auf welcher Seite Du bist. Also wenn Du es liebst, zu kontrollieren und zu führen und das Wort zu haben, dann bist Du eher auf der aktiven Seite (Rigger). Dann hast Du bestenfalls einen Menschen an Deiner Seite, der sich Dir anvertraut (Model). Und zwar nicht nur als eine kleine Aufgabe, sondern der vertraut Dir seine Seele, seine emotionale Welt, seine körperliche Welt, alles an.
Professionelle Fesselsessions, Workshops und Online Kurse
NOEMI: Liebe Julia, jetzt möchten wir natürlich wissen, Du bist nicht einfach hier als Privatperson, die eine Praktik genießt, die wahrscheinlich viel verbreiteter ist, als die Leute das glauben lassen wollen, weil eben über Sex, Geld und diese Dinge redet man ja nicht. Aber was machst Du jetzt als Coach konkret? Was ist Deine Aufgabe? Warum wirst Du gebucht? Weil ich meine, sorry, in meiner Garage gibt es auch Seile.
JULIA: Ja, voll. Und da Achtung, nicht jedes Seil ist fürs Fesseln gut. Ganz wichtig.
NOEMI: Also nicht das Abschleppseil nehmen, bitte.
JULIA: Nicht zwingend, nein, da gibt es deutlich bessere Seile.
Ich als Fesselcoach biete zum einen körper- und prozessorientiertes Coaching an. Ich biete Räume für Menschen an, in denen sie sich erleben können. Das bedeutet, zum einen fessel ich Menschen professionell. Man kann mit mir also eine Fesselsession buchen. Gerade für Fesselneugierige oder Seilanfänger ist das super, weil es einfach ein professionelles Setting ist. Du brauchst keine Angst haben, dass es irgendwelche Übergriffe gibt oder dieser Gedanke in Kontrolle zu verlieren, weil alles ist Konsens und im professionellen Setting noch deutlich höher wie im privaten Setting. Dann gebe ich Workshops in super kleinen Gruppen, maximal fünf Paare, damit wirklich auch die Erfahrung und das Erleben und das Fühlen von Seil und was es mit einem macht, wirklich Raum hat. Und dann gibt es bei mir noch Online Kurse.
Shibari lernen im eigenen Tempo
NOEMI: Online Fesseln, jetzt musst Du da ein bisschen näher drauf eingehen. Ich finde es schon sehr sehr spannend, ich muss sagen, kurz habe ich auch gedacht, brauchen wir Coaching bis ins Schlafzimmer, aber ich glaube, dass Du wahrscheinlich auch dem Paartherapeuten manchmal davor kommst, weil man weiß, wenn es schlussendlich im Bett funktioniert, funktioniert es auch sonst wo häufig. Nicht immer, aber es ist häufig so, dass das natürlich die Verbindung auch stärkt. Nimm uns doch mal ganz kurz mit, wie Du das jetzt online machen kannst.
JULIA: Also online ist es so, dass ich Menschen aufgezeichnete Kurse zur Verfügung stelle. Zum Beispiel für meine Fesselneugierigen den Welcome to Rope Online Kurs. Hier sind Menschen richtig, die noch gar keinen Kontakt mit Seil hatten, vielleicht sich auch nicht trauen, ihre Wünsche und Sehnsüchte ihrem Partner mitzuteilen, weil Sexualität super tabuisiert ist. Und das dann auch mit dem Partner zu teilen, ist sehr grenzwertig für viele.
Deswegen gibt es diesen Online Kurs, wo Menschen sagen, hey, ich kann hier in meinem Tempo, in meiner Zeit auch Seil erfahren. Ich kann mich selber fesseln, ich brauche niemanden dazu, ich muss auf niemanden achten, wo ich denke, gefällt es dem, was denkt er jetzt, wie sehe ich aus, ist das alles so richtig, oder oh Gott, überfordere ich jetzt vielleicht meinen Partner. Sondern erstmal für sich selber herausfinden, wirklich fühlen. Also nicht nur lesen und Videos schauen, sondern wirklich am eigenen Körper erfahren, dass das, was im Kopf ist, realisiert wird, weil wir haben so viele Fantasien im Kopf und so viele Vorstellungen, aber wir können erst wissen, ob es uns gefällt, wenn wir es ausprobiert haben.
Du trägst diese Sehnsucht schon lange in Dir.
Nach Seil. Nach Berührung. Nach dem Gefühl, Dich selbst darin zu erleben.
Endlich kannst Du Seil entdecken, ohne Druck, in Deinem Tempo, bequem von zu Hause aus.

Dafür gibt es Online Kurse. Die sind nicht live begleitet, sondern es ist wirklich für mich super wichtig, dass die Menschen das in ihrem Rhythmus zu ihren Tageszeiten auch ausprobieren können. Weil ganz ehrlich, Mütter zum Beispiel, die können nicht morgens um 10, die haben anderes zu tun. Und dann findet man eine passende Uhrzeit. Und gerade bei diesem Thema, wo man nervös ist und unsicher ist, finde ich super wichtig, das im eigenen Tempo machen zu können und erfahren zu können. Und da kann es auch gegebenenfalls sein, dass es sehr viel Druck rausnimmt, dass es nicht live ist.
NOEMI: Dass man es quasi in Anführungszeichen heimlich konsumieren kann. Das finde ich auch auf jeden Fall ein großer Vorteil dieses Angebots.
Selbst ausprobieren oder zu zweit: Die verschiedenen Wege
NOEMI: Vielleicht um das zu präzisieren, braucht es immer Zubehör dabei oder geht es auch auf der Waschmaschine kurz, wenn man gerade am Wäschemachen ist?
JULIA: Also es geht beides und da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Welcome to Rope ist wirklich, ich probiere es aus ohne Partner. Wenn Du jetzt sagst, okay, ich will das eigentlich schon in Richtung kontrollieren und ich will jemand ausgeliefert haben, ich möchte das sexualisieren, dafür gibt es andere Online Kurse (Bound for Pleasure und Rope up your Sex).
Auch diese Online Kurse sind aufgenommen, nichts live, sodass man das in Ruhe anschauen kann und so ein bisschen Inspirationen bekommt. Ich zeige dort Positionen aus dem Kamasutra mit Hilfe von Seil. Die Frage ist eben immer, möchte man Fesseln eher in den Alltag einbeziehen, oder möchte man es für dasLiebesspiel außerhalb des Alltages.
Wie Du das Thema ansprichst
NOEMI: Wenn jetzt jemand sagt, ich habe da die Julia gesehen, vielleicht gerade bei uns oder sonst irgendwo auf Social Media und hat mich eigentlich fasziniert, hat mir vielleicht heimlich diesen Kurs angeguckt. Wie kann man das jetzt auch so reinbringen? Gerade zum Beispiel als Frau ist es ja fast noch ein bisschen mehr so. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber bei uns ist es nicht Thema Nummer eins beim Kaffeekränzchen. Es wird zwar mehr besprochen, als wir zugeben, aber dennoch ist es nicht dasselbe. Was sind so die ersten Steps, gerade als Frau?
JULIA: Ja, also ganz ganz wichtig, für sich selber erst mal Klarheit bekommen, ob man es wirklich will. Ich möchte niemanden seine Sehnsüchte oder Fantasien unterstellen, aber wenn man in Kontakt mit einem Partner geht, finde ich persönlich, sollte man einen gewissen Plan haben. Und mit Plan meine ich, was fühle ich, was wünsche ich mir, was will ich. Das ist schon das Erste, weil oft, so zumindest meine Erfahrung auch in meinen Coachings, die ich gebe. Menschen wissen oft nicht, was sie wirklich wollen. Und wenn man dann zum Partner geht mit diesem Nichtwissen, gibt so viele Missverständnisse. Ich finde, man braucht eine gewisse Sicherheit. Deswegen, ich habe auch einen Blog, wo man alles kostenlos nachlesen kann. Dort thematisiere ich viele Themen rund um Shibari und Fesseln. Auch aus meiner Geschichte, aus meinen Gefühlen heraus, wie ich es empfinde.
Um sich all die genannten Fragen zu beantworten, ist Welcome to Rope ein wirklicher Einstieg. Man kann es heimlich machen, ohne dass der/die Partner/in es mitbekommt. Die Videos sind alle maximal drei bis vier Minuten, also keine zehnstündige Praxis, die man machen muss. Mit diesem Online Kurs erhält man Klarheit, wie fühle ich mich, ist es wirklich das, was ich will, oder bleibt es weiterhin eine Fantasie, was völlig fein ist.
Wenn man dann diese Klarheit hat, kann man zum Partner/in gehen und sagen: hey, ich habe da was, ich fühle mich so und so, ich würde das super gerne mit Dir ausprobieren. Ich sage immer, das Herz auf den Tisch legen und das Herz aufmachen und so ehrlich wie möglich sein und vielleicht sich auch verletzlich zeigen und dann schauen, wie der Partner reagiert. Wenn es dann einen Twist gibt oder eine Herausforderung, dann darf man zu mir kommen.
Fazit
Shibari lernen beginnt nicht mit dem ersten Knoten. Es beginnt mit der Erlaubnis, der eigenen Neugier nachzugehen, in dem Tempo, das sich richtig anfühlt. Ob als Solo Erfahrung mit einem Online Kurs, in einer professionellen Session oder irgendwann mit einer Beziehungsperson: Der Weg dahin darf langsam sein. Was zählt, ist, dass Du weißt, was Du wirklich willst.
FAQ
Muss ich Erfahrung haben, um mit Shibari anzufangen?
Nein. Genau dafür gibt es Angebote wie den Welcome to Rope Online Kurs, für Menschen, die noch gar keinen Kontakt mit Seil hatten und erst einmal für sich selbst herausfinden möchten, ob es etwas für sie ist.
Kann ich Shibari auch alleine ausprobieren?
Ja. Selbstfesselung ist ein echter und vollwertiger Zugang, ganz ohne Beziehungsperson, ganz in Deinem Tempo.
Was brauche ich, um mit Shibari anzufangen?
Nicht das Seil aus der Garage. Es gibt spezielles Seil fürs Fesseln, und ein guter Einstieg ist, sich erst einmal zu informieren, bevor man irgendetwas kauft.
Wie spreche ich das Thema mit meiner Beziehungsperson an?
Erst Klarheit für Dich selbst, was willst Du, was wünschst Du Dir. Dann offen und ehrlich sprechen, auch wenn es sich verletzlich anfühlt. Das ist der direkteste Weg.
Was, wenn meine Beziehungsperson kein Interesse hat?
Das darf auch eine Antwort sein. Eine Fantasie bleibt eine Fantasie, und das ist völlig fein. Wer es ausprobiert hat und merkt, es ist nichts für sie, hat auch damit etwas gewonnen.
Über mich: Ich bin ausgebildete Sex-Coach und Spaceholder mit über 20 Jahren eigener Erfahrung im Kink-Universum. Ich verbinde gelebte Erfahrung mit körperorientiertem, traumasensiblem Coaching. Fesseln ist für mich keine starre Technikabfolge oder symmetrisches Knüpfshow. Es ist für mich eine Sprache für Lust, Halt, Kontrolle, Hingabe und Nähe. Eine Sprache, die ich zuerst als Rope-Model gelernt und später als Rigger vertiefen konnte. Auch Selbstfesselung hat meinen Blick verändert: Sie hat mir gezeigt, wie still der Kopf werden kann, wie tiefes Spüren entsteht und wie viel Kraft darin liegt, ganz ohne andere.
Wenn Du mehr über mich erfahren möchtest, findest Du hier meine Über mich Seite.

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