Shibari, Kinbaku, Bondage und Fesseln. Das Thema Nervensystem taucht überall auf. In Workshops, in Posts, in Ausbildungen. Fast immer meinen alle dasselbe: Wo berührt das Seil die Haut? Welche Nerven laufen durch den Arm? Wo darf ich nicht fesseln, damit nichts taub wird?
Das ist absolut wichtig. Aber dadurch wird nur ein Teil des Nervensystems betrachtet.
Denn es gibt einen weiteren Teil des Nervensystems. Eines, das entscheidet, ob Dein Körper sich im Seil öffnet oder dichtmacht. Ob Du Dich wirklich hingeben kannst, oder ob Du einfach nur funktionierst aber nicht da bist. Eines, das bestimmt, ob Du als Rigger wirklich führen kannst, oder ob Du Technik ausführst, während Dein Gegenüber innerlich wegdriftet.
Dieser Teil des Nervensystem heißt das autonome Nervensystem und in der Seilszene redet niemand darüber. Außer ich.
Zwei Nervensysteme, zwei völlig verschiedene Gespräche
Das sensorische Nervensystem
Das sensorische Nervensystem ist das, womit wir fühlen. Druck. Wärme. Berührung. Es ist das System, das dir sagt: Das Seil liegt auf deinem Schlüsselbein. Es ist das System, das Rigger lernen, wenn es um Nerven und Anatomie (in Workshops wird dies oft als Sicherheit bezeichnet) geht.
Doch das sensorische Nervensystem ist nicht nur für das Fühlen zuständig, sondern auch für alle weiteren Sinne. Es nimmt Reize aus dem unmittelbaren Umfeld auf und leitet es an das Gehirn weiter.
Das autonome Nervensystem
Das autonome Nervensystem arbeitet tiefer. Es läuft die ganze Zeit, ohne dass du es steuern kannst, eben autonom. Es reguliert Deinen Herzschlag, Deine Atmung, Deine Verdauung und vor allem: Es entscheidet darüber, ob Dein Körper Sicherheit wahrnimmt oder Bedrohung.
Das ist eine extrem wichtige Information, darum wiederhole ich diesen Satz nochmals:
Das autonome Nervensystem entscheidet darüber, ob Dein Körper Sicherheit wahrnimmt oder Bedrohung.
Es hat zwei große Spieler: den Sympathikus und den Parasympathikus.
Der Sympathikus
Der Sympathikus ist kann man sich wie ein Gaspedal vorstellen. Er geht online, wenn Dein Körper eine Bedrohung wahrnimmt, egal ob das ein Säbelzahntiger (den Säbelzahntiger wird uns in Zukunft stark begleiten) ist oder eine Fesselsession, bei der sich irgendetwas nicht stimmig anfühlt.
Dann passiert folgendes, ohne es beeinflussen zu können: Herzschlag hoch, Muskeln anspannen. Bereit sein, wegzulaufen, zu kämpfen, oder sich wie Todstellen.

Der Parasympathikus
Der Parasympathikus kannst Du Dir wie eine Bremse vorstellen. Er kommt online, wenn Dein Körper Sicherheit wahrnimmt. Herzschlag verlangsamt sich. Die Verdauung startet. Du kannst wirklich loslassen.
Jetzt kommt das Entscheidende: Sexuelle Erregung, das Fließen, das echte Loslassen im Seil, das ist eine parasympathische Funktion. Das passiert nur, wenn dein Körper wirklich Sicherheit wahrnimmt. Nicht wenn du denkst, dass es sicher ist. Wenn dein Körper es fühlt.
Was das konkret für Dich beim Fesseln bedeutet
Stell Dir vor, Du bist gefesselt. Dein Rigger kann jeden Knoten. Die Technik ist sauber, symmetrisch einfach perfekt. Du hast Ja gesagt und trotzdem: Da ist diese leichte Anspannung im Bauch, die nicht weggeht. Der Kiefer zieht sich zusammen. Du bist körperlich anwesend, aber Du bist nicht wirklich da.
Das ist kein Problem mit dem Seil. Das ist Dein autonomes Nervensystem, das gerade im Sympathikus feststeckt. Dein Körper hat irgendetwas wahrgenommen. Einen Tonfall, die Stimmung oder eine Bewegung Deines Riggers. Und Dein Körper entscheidet in Millisekunden: Noch nicht sicher genug.
Was es genau war kannst Du unter Umständen garnicht wirklich wissen oder nachvollziehen. Denn hier geht es nicht um etwas aus Deinem Verstand, aus der Ratio heraus. Hier geht es um Körperlogik.
Oder das andere Szenario: Du bist als Rigger in der Session. Du weißt, was Du tust. Trotzdem merkst Du, dass Dein Model zwar mitmacht, aber nicht wirklich ankommt. Die Augen sind etwas leer. Der Atem bleibt oben. Die Verbindung, die Du spürst, wenn es wirklich gut läuft, die fehlt.
Auch das ist kein Technikproblem. Das sind Eure Nervensysteme die reagieren. Überraschung: Technik kann es nicht lösen.
Das Sicherheitsradar Deines Körpers
Dein autonomes Nervensystem hat ein eingebautes Sicherheitsradar. Es checkt die ganze Zeit, auch wenn Du schläfst: Fühlt sich das hier sicher an? Dabei geht es nicht darum wie rationell es sicher ist, sondern wie sich Dein Nervensystem sich sicher fühlt. Es ist also hoch individuell was Dein Nervensystem ist sicher oder unsicher anfühlen lässt.
Für jeden von uns kann der Säbelzahntiger anders aussehen.
Das autonome Nervensystem bewertet die Stimme Deines Gegenübers. Die Spannung in dessen Gesicht. Ob dessen Hände sich ruhig, gehetzt oder schwitzig sich anfühlen. Es checkt, wie Du selbst gerade drauf bist. Hast Du gut geschlafen? Hattest Du einen stressigen Tag? Ist irgendetwas in Deinem Körper gerade ungelöst?
Dieses Radar trifft keine bewussten Entscheidungen. Es bewertet einfach: sicher oder nicht sicher. Danach stellt es alles ein.
Das bedeutet: Du kannst alles richtig machen, die richtige Technik, die richtige Anatomie, den richtigen Knoten. Dein Körper oder der Körper deines Gegenübers springt trotzdem nicht ins echte Loslassen, weil das Radar irgendwo noch Alarm schlägt.
Warum das die eigentliche Arbeit beim Fesseln ist
Wenn Du verstehst, wie das autonome Nervensystem funktioniert, ändert sich, wie Du beim Fesseln bist. Egal ob als Model oder als Rigger.
Als Rigger lernst Du nicht mehr nur Knoten. Du lernst, wie Deine Stimme, Deine Bewegungsgeschwindigkeit, Dein Atemrhythmus das Nervensystem Deines Models direkt beeinflusst. Du lernst, woran Du erkennst, ob jemand gerade wirklich ankommen kann, oder ob Du erst Raum schaffen musst, bevor Du überhaupt anfängst zu fesseln.
Als Model lernst Du den Unterschied zwischen Anspannung, Erregung, Spiel und Entspannung. Du lernst, was es bedeutet, wenn Dein Körper dichtmacht und was du tun kannst, um wirklich Dich in der Session hinzugeben. Nicht weil Du Dich zwingst loszulassen, sondern weil Du verstehst, was Dein System bzw. Dein Körper gerade braucht.
Das ist der Unterschied zwischen einer Session, die gut war, und einer Session, die Dich tief berührt.
Wie ich dazu gekommen bin, darüber zu sprechen
Ich bin seit über 20 Jahren in der BDSM-Community. Ich fessle seit über einem Jahrzehnt mit Seil, als Model, als Riggerin, als Coach. Ich habe über 250 wunderbare Sessions erlebt. Und ich habe viele Sessions erlebt, bei denen irgendetwas nicht stimmte, ohne dass jemand gewusst hat, warum.
Irgendwann habe ich angefangen, tiefer zu schauen. Nicht in die Technik, weil ich wusste, daran kann es nicht liegen. Ich habe gelernt, was zwischen zwei Menschen und dessen Körper passiert, bevor überhaupt das erste Seil auf dem Körper des Models liegt.
Was passiert zwischen zwei Menschen, wenn einer führt und einer loslassen möchte. Warum das bei manchen Menschen sofort fließt und bei anderen, trotz allem Können, nie wirklich landet.
Die Antwort war jedes Mal: Das autonome Nervensystem.
Ich habe über zwei Jahre meine eigenen Erfahrungen mit diesem Wissen im Seil gemacht. Nicht in Studien oder Universitäten. Sondern wirkliche Erfahrungen, körperbasiert um am eigenen Körper zu fühlen, was das angewandte Wissen (verkörpert) beim Fesseln verändern kann.
Fazit: Technik berührt nicht
Fesseln ist keine Technik, die Du lernst, und dann funktioniert es. Es ist eine Begegnung zwischen zwei Körpern, zwei Nervensystemen, zwei Menschen, die gerade in diesem Moment entscheiden, wie viel sie wirklich zulassen wollen und können.
Das echte Ankommen, das Gefühl von gehalten sein, das tiefe Loslassen, das sich so viele im Seil wünschen: Es passiert nicht, weil der Knoten und die Fesseltechnik sitzt. Es passiert, wenn der Körper sich sicher genug fühlt, um es zuzulassen. Nicht der Kopf. Der Körper.
Das autonome Nervensystem ist kein Zusatz zum Fesseln. Es ist die Grundlage. Alles andere, Technik, Knoten, Ästhetik, Anatomie baut darauf auf.
Wenn Du anfängst, das zu verstehen, verändert sich nicht nur, was Du im Seil tust. Es verändert sich, was beim Fesseln alles möglich ist.
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Über mich: Ich bin ausgebildete Sex-Coach und Spaceholder mit über 20 Jahren eigener Erfahrung im Kink-Universum. Ich verbinde gelebte Erfahrung mit körperorientiertem, traumasensiblem Coaching. Fesseln ist für mich keine starre Technikabfolge oder symmetrisches Knüpfshow. Es ist für mich eine Sprache für Lust, Halt, Kontrolle, Hingabe und Nähe. Eine Sprache, die ich zuerst als Rope-Model gelernt und später als Rigger vertiefen konnte. Auch Selbstfesselung hat meinen Blick verändert: Sie hat mir gezeigt, wie still der Kopf werden kann, wie tiefes Spüren entsteht und wie viel Kraft darin liegt, ganz ohne andere.
Wenn Du mehr über mich erfahren möchtest, findest Du hier meine Über mich Seite.

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